Was bedeutet für mich Spiritualität?

Ein Problem bei der Beantwortung dieser Frage ist der Umgang mit Wörtern. Menschen haben unterschiedlichste Vorstellungen und Assoziationen zum Begriff Spiritualität. Wenn wir über ihn nachdenken, kommen sofort weitere Wörter dazu, wie beispielsweise die Begriffe Religion, Kirche oder Gott.

 

Um nicht aneinander vorbei zu reden, müssen Begriffe geklärt werden und es benötigt Achtsamkeit im Umgang mit Sprache, beziehungsweise Bewusstheit, dass Sprache immer mit persönlichen Erfahrungen aufgeladen ist. Wörter können nicht absolut gesetzt werden. Hinter ihnen stehen unterschiedlichste Lebenserfahrungen einzelner Menschen. Es besteht die Gefahr, dass wir zwar die gleichen Wörter verwenden aber trotzdem aneinander vorbeireden und dies häufig nicht einmal realisieren und im schlimmsten Fall in Streit und Krieg geraten.

 

Es gibt zwei Möglichkeiten, dieser Tatsache gerecht zu werden. Eine davon ist, Begrifflichkeiten genau zu klären, ihnen wissenschaftlich auf den Grund zu gehen und zu fragen, woher beispielsweise das Wort Spiritualität kommt, wie es ursprünglich entstand und wie es in der Vergangenheit gemeint und verwendet wurde. Dies ist ein Prozess, der viel Zeit und die Fähigkeit intellektueller Auseinandersetzung benötigt. Es ist gar nicht so einfach, weil auch das mit Hilfe der Sprache geschieht. Letztendlich werden wir zur Erkenntnis kommen, dass absolute, objektive Erklärungen gar nicht möglich sind. Immer sind wir mit unserer ganz persönlichen, begrenzten Wahrnehmung involviert und sehen das Wort Spiritualität durch die eigene Brille, gefärbt durch unsere persönliche Geschichte. Auch als Wissenschaftler!

 

Um zu vermeiden, dass wir aneinander vorbeireden, weil wir unterschiedliche Vorstellungen von Begriffen haben, gibt es eine zweite, recht simple Möglichkeit. Es geht ganz einfach darum, sich im Gespräch darüber bewusst zu sein, dass der Gesprächspartner allenfalls etwas ganz Anderes unter einem bestimmten Wort versteht als ich. Es geht um eine Grundhaltung der Offenheit und Akzeptanz, dass mein Gesprächspartner von seinen Lebenserfahrungen her den Wörtern eine andere Bedeutung gibt als ich. Dies erfordert von beiden die Bereitschaft, den Menschen hinter der Sprache zu sehen und ihn im wahrsten Sinn des Wortes zu ver-stehen, nämlich probehalber seinen Standpunkt einzunehmen. Es benötigt die Akzeptanz, dass Begrifflichkeiten keinen Absolutheitsanspruch haben, dass einzelne Begriffe mehrere Wahrheiten enthalten können. Erkenntnistheoretisch liesse sich von einer konstruktivistischen oder phänomenologischen Grundhaltung sprechen. Die Grundidee des Konstruktivismus lässt sich vereinfacht mit folgender Grafik darstellen:

 

 Das Zeichen in der Mitte des Bildes ist entweder ein B oder eine 13, je nachdem, in welchem Kontext ich stehe. Beharre ich stur auf der Horizontalen, dann werde ich nicht akzeptieren, dass das B sich auch als eine 13 darstellt und umgekehrt. Wir konstruieren die Wirklichkeit von unserem Standpunkt aus. Wir sehen, was wir sehen „möchten“.

 

Ähnlich ist es mit der philosophischen Richtung, welche als Phänomenologie bezeichnet wird. Ihre Grundhaltung lässt sich in folgenden vier Sätzen zusammenfassen, welche ich mit Dr. Gerhard Ruff vor einigen Jahren erarbeitete. Vor allem der vierte Satz passt sehr gut zum oben beschriebenen Thema:

 

Wir pflegen eine Grundhaltung. . .

 

…in der Theorien nicht verabsolutiert, sondern immer wieder im konkreten Erfahrungsbereich des Alltags überprüft werden.

 

…in der wir uns nicht im Spekulativen und in voreiligen Interpretationen verlieren, sondern uns im Hier und Jetzt von der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit leiten lassen.

 

…in der wir die Autonomie der Erfahrung des anderen achten und auch die Art und Weise, wie er seine Erfahrungen benennt.

 

…in der wir akzeptieren, dass die Art und Weise, wie sich uns die Welt zeigt, immer auch mit unserer Gewohnheit der Wahrnehmung und mit unseren Intentionen gegenüber dem Leben zusammenhängt. Wir vermeiden die gedankliche Trennung von Objekt und Subjekt. Was wir betrachten, ist nicht der Gegenstand oder Mensch, wie er wirklich ist, sondern der ihm durch die intentionalen Akte des Bewusstseins gegebene Sinn.

 

Diese von Philosophen beschriebene Grundhaltung ist eigentlich auch eine religiöse Gesinnung. Es geht darum, meinen Gesprächspartner zu achten, ihn nicht vorschnell zu beurteilen, ihn stattdessen zu verstehen versuchen, die eigene Meinung und das eigene Ego zurückzunehmen, wirklich zuzuhören und sich einzufühlen. Und dies nicht nur gegenüber Menschen, die ich mag, sondern gerade auch gegenüber solchen, welche eine völlig unterschiedliche Meinung zu mir haben. Man könnte auch von Mitgefühl und Liebe sprechen - zentrale Begriffe von Religionen.

 

Es stellt sich aber auch die Frage, warum denn Menschen oft nicht bereit sind, von ihren Standpunkten abzuweichen und auf Biegen und Brechen ihre Anschauungen durchzuboxen bis hin zu Mord und Totschlag im Namen der Religion. Hier müssten wir über Welt- und Menschenbilder sprechen und über das Bedürfnis, an unseren Lebens-Anschauungen festzuhalten, weil wir Angst haben. Es ist die Angst, in der Bodenlosigkeit zu versinken, wenn die Vorstellungen über die Welt und das Leben in Frage gestellt werden.

 

Wir berühren damit einen wesentlichen Aspekt von Religionen. Sie geben Menschen Halt, Sicherheit, Hoffnung und Trost. Stellen wir religiöse Überzeugungen in Frage, kann es sein, dass innere Sicherheiten wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Nicht alle können sich darauf einlassen, die spirituellen Grundpfeiler zu hinterfragen. Zu gross ist die Gefahr in Angst und Unsicherheit zu geraten. Es benötigt viel Vertrauen, dies zuzulassen. Für Menschen, welche aus persönlichen Krisen heraus sich an religiösen Vorstellungen anklammern, wird ein solch kritisches Gespräch über die eigenen Anschauungen eher schwierig sein. Und vielleicht sollten wir sie ihnen auch einfach lassen, aus Rücksicht auf ihre Angst. Problematisch wird es, wenn das Festhalten an eigenen Überzeugungen fundamentalistische und sektiererische Züge annimmt mit der Gefahr, andere Menschen zu unterdrücken.

 

Doch zurück zur Frage, was für mich persönlich Spiritualität bedeutet.

 

Im Zusammenhang mit Spiritualität interessierte mich in meinem Leben immer die Frage nach religiöser Erfahrung. Jede Religion berichtet aus ihren Anfängen von Menschen, welche tiefgreifende, transzendente Erfahrungen machten: Jesus, Buddha, Mohammed, Laotse... Aus ihrem Ergriffensein heraus hatten sie eine starke Ausstrahlung auf ihre Umgebung. Ihr heilsames Handeln wurde zur Hilfe und Lebensorientierung für viele Menschen. Religionsgründer halfen, Leiden und Not zu überwinden und zeigten auf, wie durch eine Veränderung der persönlichen Grundhaltung das Leben sinnvoll und glücklich wird, häufig mit Hilfe religiöser Praktiken wie Meditation und Gebet.

 

Aus diesen Erfahrungen heraus schlossen sich Menschen zu Gemeinschaften zusammen, um diese Grundhaltungen miteinander zu leben. Es entstanden Institutionen, wie beispielsweise die katholische Kirche, zu der ich selber gehöre. Die Konsequenzen religiöser Erfahrungen wurden miteinander gelebt, als Liebe und Mitgefühl. Innerhalb dieser religiösen Gemeinschaften gab es immer wieder Menschen, welche zu diesen unmittelbaren „Gotteserfahrungen“ fanden und genauso heilsam wirkten wie damals die Religionsstifter. Häufig waren es Mönche und Nonnen aber durchaus auch Menschen im ganz gewöhnlichen Alltag. Die Mehrzahl der Menschen scheinen jedoch nicht diese direkten „Gotteserfahrungen“ in ihrer totalen Intensität zu machen, sondern orientieren sich mehr an den daraus entstandenen Rahmenbedingungen und Handlungen, welche im Verlauf der „Kirchengeschichte“ entstanden sind: Moral, Ethik, Soziale Richtlinien und Rituale. Geht dabei der Bezug zu den dahinterstehenden religiösen Erfahrungen verloren, verhärten die kirchlichen Richtlinien zu rein weltlichen Regeln und verkommen im schlimmsten Fall zu einer Moral ohne Liebe, in der geurteilt, verurteilt und bestraft wird.

 

Doch was verstehe ich unter religiöse Erfahrung?

 

Es ist gar nicht so einfach, dies zu umschreiben. Ausgangslage für eine religiöse Erfahrung ist das Staunen über das Geheimnisvolle im Leben, über all das Unerklärliche, welches mich übersteigt, über das Nichtmachbare, über den roten Faden in meinem Leben, den ich nicht erklären kann, über Zufälle, die eigentlich gar keine sind. Es ist die Frage nach einem grösseren Sinn im Leben. Es ist das Bewundern der Zellteilung, welche teils von den Naturwissenschaften erklärt werden kann, aber letztendlich noch immer ein Geheimnis bleibt. Ist nicht dieses Staunen bereits eine religiöse Erfahrung? Dieses Gepackt sein vom Leben, von der Grösse und Schönheit des Kosmos, welche meinen Verstand völlig übersteigt? Irgendwie schon. Jedenfalls ist das staunende Offensein für die Wunder des Lebens eine wichtige Grundvoraussetzung für religiöse Erfahrung.

 

In meiner Kindheit wurde ich durch die Konfrontation mit Tod auf spirituelle Fragen gestossen. Meine Mutter starb, als ich ein drei Monate altes Baby war. Bewusst erinnere ich mich nicht mehr daran, aber auf einer emotionalen Ebene blieb dieses Ereignis präsent. An den Tod meines Vaters allerdings erinnere ich mich sehr gut. Er starb, als ich 12 Jahre alt war. Dieses Ereignis hat mich in meinem Suchen nach Sinn sehr geprägt. Seine zweijährige Leidenszeit lösten bei mir viele Fragen nach dem Sinn des Lebens aus. Und nach seinem Tod fragte ich mich, was wohl danach kommt. Mein Suchen begann. Ich las viele Bücher darüber und setzte mich auch mit grenzwissenschaftlichen Themen auseinander. Kann ich Kontakt mit meinem Vater aufnehmen? Ist er auf einer geistig, seelischen Ebene noch da? Schaut er zu mir und meiner Familie? Der Ansatz von Elisabeth Kübler Ross faszinierte mich. Ich verschlang viele Bücher und hatte aussergewöhnliche Erlebnisse in diese Richtung.

 

An meinen Religionsunterricht erinnere ich mich kaum. Die Zeit als Ministrant habe ich jedoch noch vor Augen, wie ich jeweils im Gottesdienst am Sonntagmorgen «diente». Es war vor allem die Atmosphäre und die Rituale in der katholischen Kirche, welche mich berührten. Sie verwiesen auf eine andere Dimension und gaben dem Geheimnisvollen einen Ausdruck, im Gegensatz zum Wort-Teil des Gottesdienstes, der mir zu verkopft daherkommt.

 

Diese Verbindung oder vielleicht auch nur das Suchen und Erahnen dieser Verbindung zu einer grösseren Dimension ist für mich der Kern von Spiritualität. Der Tod ist dabei wohl die grösste Herausforderung mit der Frage, ob es da noch mehr gibt, als das irdische Dasein. Niemand kann ihm Ausweichen. Es ist das totale Hereinbrechen von dem, was mich übersteigt. Wir versuchen ihn zwar naturwissenschaftlich in den Griff zu bekommen, schaffen es aber nicht. Rund um ihn gibt es ausserdem sonderbare Ereignisse, welche vielen meiner Vorstellungen ein Schnippchen schlagen. Ich denke da an Nahtoderlebnisse, die sehr gut untersucht und belegt sind. Auch die Vorahnungen des Sterbens oder das plötzliche Wissen über den Tod eines räumlich weit entfernten Verwandten gehören dazu. Interessanterweise wird in allen Religionen der Tod mit Ritualen begleitet. Seit Jahrhunderten wird für die Verstorbenen gebetet. Menschen fühlen sich mit ihren toten Angehörigen verbunden. Kann das nur Einbildung sein?

 

Aber es gibt noch andere Momente im Leben, in denen eine grössere Dimension überwältigend in unseren Alltag hineinbricht, zum Beispiel die Geburt. Ich kenne einen mittlerweile pensionierten Frauenarzt, der immer wieder darauf hingewiesen hat, wie überwältigend es ist, wenn dir ein Neugeborenes in die Augen schaut. Es komme ihm jeweils vor, wie wenn ihn ein Blick aus der Unendlichkeit treffe, wie wenn nicht ein kleines hilfloses Kind ihn anschaue, sondern ein altes wissendes Wesen aus einer anderen Welt. Dies war auch ein Grund, warum er sich in seiner ganzen Laufbahn als Frauenarzt immer weigerte, Embryos abzutreiben.

 

Tod und Geburt sind die grossen Übergänge im Leben. Und dann gibt es noch die kleineren Wandlungsphasen, in denen das Geheimnisvolle aufscheint, wie zum Beispiel der Übergang vom Kind zum Erwachsenen. Die spirituelle Seite dieser Wandlung wird in unserer Zeit vernachlässigt. Aus meiner eigenen Erfahrung als Jugendlicher und aus der Erfahrung als Jugendseelsorger beobachtete ich, dass Pubertierende häufig von etwas Grösserem ergriffen werden, was sich in Form von Ahnungen über die in der Seele angelegten Lebensthemen zeigt. In den Initiationsriten alter Völker wurde dies ernster genommen. Die Erwachsenen sandten ihre Jugendlichen auf Visionssuche, mit der Aufforderung, auf ihre Träume zu hören und sie danach der grösseren Gemeinschaft zu erzählen und darzustellen.

 

Träumen ist für mich ein wichtiges Phänomen im Zusammenhang mit Spiritualität. Ich habe vorher beschrieben, dass für mich religiöse Erfahrungen mit der Verbindung zu einer mich übersteigenden Realität zu tun haben. Das Träumen ist eine solche Brücke.

 

Doch was verstehe ich unter einer grösseren Dimension? In der christlichen Sprache gibt es dafür Begriffe wie Himmel, Jenseits, Paradies... Heute verstehen wir diese Vorstellungen als Symbole. Als die Menschen jedoch glaubten, die Erde sei flach und nicht wussten, was sich hinter dem blauen Firmament befindet, war das Wort Himmel vermutlich sehr realistisch gemeint. Mit Beginn der Aufklärungszeit begann man diese uns unbekannte Dimension zu erforschen. Das Diesseits wurde erweitert, einerseits hinaus in die Weite des Weltalls und andrerseits hinein in die Materie, bis zu den kleinsten Elementarteilchen und noch weiter, so dass schlussendlich zu unserer Verwunderung keine wirkliche Materie mehr übrigblieb, sondern alles nur noch als reine Energie beschrieben wird. Wir fanden Erklärungen für Vorgänge in der Welt, die vorher einer göttlichen Instanz zugeschoben wurden. Wir fanden heraus, dass Gott nicht im Himmel sitzt. Diese Zeit der Aufklärung und die damit verbundenen naturwissenschaftlichen Erfolge führten zur Infragestellung von Religion und Kirche. Ob das heutige Weltbild «realistischer» ist als jenes vor 400 Jahren, sei einmal dahingestellt. Da müssten wir uns über den Begriff Realität unterhalten.

 

Wenn wir also von einer grösseren, uns übersteigenden Dimension sprechen, gilt es, daran zu denken, dass es vielleicht einfach um eine Realität geht, die noch nicht erforscht und verstanden wurde, dass dieses Jenseits gar nicht so weit weg und geheimnisvoll religiös ist, sondern ganz zu unserer Alltagsrealität gehört. Nur fehlte uns bis jetzt die Fähigkeit, diese Realitätserweiterung wahrzunehmen. Hier gäbe es Beispiele aufzuzählen von Menschen mit erweiterten Wahrnehmungsfähigkeiten: Aurasichtigkeit, Hellsichtigkeit, Telepathie und einiges mehr.

 

Die Traumwelt gehört ebenso dazu. So gibt es Wahrträume oder auch das Phänomen, dass im Traum plötzlich eine Lösung auftaucht, nach der man im Wachzustand vergeblich gesucht hat. Viele Erfindungen und Entdeckungen kamen so zu Stande.

 

So richtig systematisch zu erforschen begann man diese Traumwelt erst anfangs letzten Jahrhunderts durch Sigmund Freud und andere. Man begann seelische Prozesse zu analysieren und gab ihnen psychologische Begriffe und formulierte Modelle der menschlichen Psyche. Ein wichtiger Aspekt war die „Entdeckung“ des Unterbewusstseins und der Tatsache, dass es ebenso bedeutsam ist wie der bewusste Verstand. Es entstand die Psychoanalyse und die Tiefenpsychologie. Auch Religiosität wurde als ein psychologisches Phänomen erforscht und als ein psychischer Prozess in der menschlichen Seele betrachtet, als eine Projektion seelischer Inhalte auf die Aussenwelt. 

 

Mich faszinierte vor allem der Ansatz von C.G Jung, der Spiritualität und Religiosität in sein Modell integrierte und dem Geheimnisvollen Raum gab. Er erkannte, dass die Sprache der nächtlichen Träume ganz zum sprachlichen Ausdruck von Religionen passte. Es ist eine Symbolsprache, eine Bildersprache voller märchenhafter Geschichten und voller Poesie. Mich faszinierte auch seine Unterscheidung von einem persönlichen und einem kollektiven Unterbewusstsein, durch das die Menschen sozusagen in der Tiefe der Seele miteinander verbunden sind. So gibt es Träume, welche aus dieser kollektiven Schicht stammen und weit über das eigene persönliche Bewusstsein hinausreichen und deshalb auch eine grössere Gemeinschaft betreffen. Solche Träume und Visionen können durchaus als eine religiöse Erfahrung bezeichnet werden. In der Bibel werden einige solche Geschichten erzählt, in denen Gott durch den Traum zum Menschen spricht. In der Tiefenpsychologie redet man zwar nicht explizit von Gott, sondern eher von einem inneren Wissen. Es wird dann häufig auch zwischen dem ICH und dem SELBST unterschieden, wobei das SELBST als der Mittelpunkt und Kern der menschlichen Psyche bezeichnet wird, ausgestattet mit grosser Weisheit, immer darum bemüht, Einseitigkeiten des Ichs auszugleichen, sei es durch den Traum, durch Gefühle oder durch Körpersymptome. Das Ich jedoch ist auf den persönlichen Umkreis beschränkt und dient zur Bewältigung des Alltags. Koppelt sich dieses Ich vom grösseren Selbst ab, besteht die Gefahr, dass es zu einem aufgeplusterten EGO verkommt. Dies führt zu neurotischen und krankhaften Gefühlen und Verhaltensweisen. Aber auch ein zu schwaches ICH, welches sich von unbewussten Inhalten überschwemmen lässt, kann zu psychischer Krankheit führen. Dabei ist es durchaus möglich, von einer Gotteserfahrung überwältigt zu werden, welche aufgrund fehlender Ich-Stärke nicht in den Alltag integriert werden kann und zum Leiden wird.

 

Darüber müsste hier sicher noch viel mehr geschrieben werden. Ich möchte stattdessen einfach betonen, wie stark mich dieser tiefenpsychologische Ansatz in meinem spirituellen Suchen geprägt hat. So entdeckte ich während meinem Studium auch die Bücher von Eugen Drewermann, welche mir Welten öffneten, vor allem durch die beiden Bände «Tiefenpsychologie und Exegese». Er integrierte die Tiefenpsychologie konsequent in alle theologischen Bereiche. Das Himmlische und Göttliche wurde sozusagen hineingeklappt in die Seele. Was aufgrund naturwissenschaftlicher Erkenntnisse nicht mehr im Aussen erklärbar war, wurde im Inneren des Menschen gefunden. Auch darüber müsste selbstverständlich länger diskutiert werden. Es stellt sich die Frage nach der Seele. Wo ist sie? Was ist sie? Wir nehmen heute wie selbstverständlich an, die Seele sei in uns. Aber vielleicht überschreitet sie die Grenzen unseres Körpers als ein in Raum und Zeit nicht lokalisierbares Phänomen.

 

Ob wir nun von einem tiefenpsychologischen oder von einem theologischen Modell ausgehen, die tiefgreifende Erfahrung, welche ich hier als religiös bezeichne, bleibt sich gleich. Sie wird einfach mit unterschiedlichen Begriffen und Bildern erklärt. Wenn mir durch einen nächtlichen Traum eine mein Leben verändernde, überwältigende Botschaft zukommt, spielt es eigentlich keine Rolle, ob ich sage, Gott sprach zu mir im Traum oder ob ich erkläre, ich hatte eine Verbindung zur Weisheit des grösseren Selbst. Die Grunderfahrung und die Konsequenzen bleiben dieselben.

 

Und es gäbe hier, neben der Tiefenpsychologie, noch weitere Modelle hinzuzufügen, welche transzendente Erfahrungen beschreiben, zum Beispiel die Kunst. Künstler sprechen von Inspiration, wenn sie im schöpferischen Prozess von Ideen gepackt werden und sich von innen heraus wie im Trancezustand gedrängt fühlen, zu malen, zu gestalten, zu komponieren… Die Kunst finde ich insofern ein gutes Beispiel, als dass sich in ihr das Zusammenspiel der beiden Welten sehr schön zeigt: Diesseits und Jenseits / Materie und Geist / Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft...

 

Im künstlerischen Tun ist zunächst immer das Diesseitige völlig präsent als technisch ausgeklügeltes Musikinstrument, als Papier und Farbe, als der menschliche Körper im Tanz und Gesang… Aber erst in Kombination mit dem Geistigen, mit dem Jenseitigen erklingt schliesslich die Musik, entsteht das Bild und der Tanz. Um religiösen Erfahrungen Ausdruck zu verleihen eignet sich die Kunst besonders gut, indem sie die Verstandessprache erweitert, welche ja immer stark auf die gegensätzliche, weltliche Realität bezogen ist. Das «Jenseits» zeichnet sich jedoch gerade dadurch aus, dass es mit der Verstandessprache nicht wirklich greifbar ist. Im Sinne von «ein Bild sagt mehr als tausend Worte» stellt die Kunst Werkzeuge zur Verfügung, um vom «Himmlischen» zu sprechen. Auch die Poesie gehört dazu. Sie befreit die Wörter von Ihrer vermeintlichen Eindeutigkeit und ermöglicht ihnen, das eigentlich Unaussprechbare in seiner Vieldeutigkeit erahnend zu benennen. Kein Wunder, dass Kunst und Poesie in allen Religionen eine grosse Rolle spielen.

 

Wenn ich vom Berührt-Sein einer anderen Dimension spreche, muss ich hier auch noch die damit verbundenen energetischen Aspekte erwähnen, wie sie beispielsweise in asiatischen Traditionen, in der modernen Physik oder auch der Sexualität zum Ausdruck kommen. Sexualität ist wohl eines der offensichtlichsten Phänomene, in welchem sich Göttlichkeit inmitten des handfesten Lebens manifestiert, denn durch den sexuellen Akt kann Leben gezeugt werden. Sex ist schöpferische Energie. Ist der Orgasmus eine religiöse Erfahrung?

 

Vermutlich handelt es sich bei der sexuellen Energie um eine Art Urenergie, die sich auch in anderen Formen zeigt. Wilhelm Reich nannte sie Orgon, welche den ganzen Körper durchfliesst und nicht auf den sexuellen Akt beschränkt ist. Einen ähnlichen Ansatz finden wir im Modell der Chakras und des Meridiansystems. Überhaupt fand ich in asiatischen Traditionen verschiedene solche energetischen Erklärungen. Ich denke dabei an die spirituellen und therapeutischen Wege des Qi Gong oder an die Kampfkunst Aikido, welche ich einige Zeit lang praktizierte. In beiden Wörtern steckt das Wort QI, welches auf diese Urenergie hinweist. Ob das Wort Urenergie wirklich trifft, was gemeint ist, weiss ich nicht. Da sind wir wieder bei der eingangs beschriebenen Schwierigkeit der Wortbedeutungen angelangt. Wir könnten auch mit physikalischen Begriffen zu umschreiben versuchen, worum es sich da handelt. Bei der Erforschung der Materie entdeckten Physiker, dass es Materie im herkömmlichen Sinn gar nicht gibt, sondern dass letztlich alles Energie ist. Allerdings müssten wir auch hier genauer hinschauen, was damit wirklich gemeint ist. Wichtig dabei ist wiederum das Problem der Wahrnehmung, welches im Bereich der Elementarteilchen eine grosse Bedeutung bekommt. Wir müssten das Welle-Teilchen-Problem besprechen und uns über Quantenfelder und Quantenverschränkung unterhalten. Was ich in diesem Zusammenhang häufig lese, ist die Aussage, dass die Grenzen zwischen den vermeintlichen Objekten, zwischen Lebewesen und zwischen den Menschen gar nicht so klar und scharf gezogen seien, wie wir meinen. Alles sei Schwingung und auf einer nichtlokalen Ebene eng miteinander verbunden und in ständigem Austausch.

 

Im Prinzip könnte man eine religiöse Erfahrung als eine innige Verbindung mit der Urenergie des Kosmos bezeichnen, ein Verschmolzen-Sein mit der Quelle des Lebens. Spiritualität hat dann auch mit Kraft zu tun. Vielleicht muss man das Heilen durch Handauflegen, wie es in der Bibel beschrieben wird, so verstehen? Und was ist mit dem Gebet und dem Akt des Segnens? Sind auch sie als ganz konkrete Krafthandlungen zu verstehen?

 

Bringen wir das bisher Beschriebene auf den Punkt:

 

Ein Problem im Diskurs über Spiritualität und Religion ist die Sprache. Wörter, welche ich benutze, sind immer gefärbt durch die eigene Erfahrung und können für meine Gesprächspartner etwas ganz Anderes bedeuten, als für mich.

Spiritualität hat für mich etwas mit einer anderen Dimension zu tun, welche meinen gewöhnlichen Alltag übersteigt. In Verbindung mit dieser Dimension fliesst mir Kraft, Wissen und Führung zu, was im Christentum als Gnade bezeichnet wird. Diese Dimension wird in Religionen ganz unterschiedlich benennt: Himmel, Ewigkeit, Paradies, Nirwana, Jenseits, ewige Jagdgründe.

Auch nicht religiöse Menschen und Wissenschaftler befassen sich mit dieser grösseren Dimension des Lebens. In der Tiefenpsychologe spricht man dann von der Traumwelt, dem kollektiven Unbewussten und dem grösseren Selbst, von dem her uns Wissen zufliesst. In der Physik geht es eher um energetische Aspekte aber auch um ganz neue Weltbilder, welche diese andere Dimension zu fassen versuchen. Raum und Zeit sind in Frage gestellt und damit auch unsere alltäglichen Lebensgesetze, wie beispielsweise das Kausalitätsprinzip.

Nun kann man natürlich sagen, dass eine Erweiterung der alltäglichen Dimension durch die Physik oder Tiefenpsychologie keineswegs eine religiöse Erklärung benötigt. Rein «wissenschaftlich» gesehen entdeckte man einfach mehr von dieser Welt, ähnlich wie erkannt wurde, dass die Erde rund ist und dass es ein Weltall mit Galaxien gibt. Handlungsräume wurden dadurch zwar erweitert aber hat man Gott entdeckt? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns über Gottesbilder unterhalten. Wer den alten Mann mit langem weissen Bart im Weltall sucht, wird ganz anders an diese Frage herangehen, als jemand der zum Beispiel sagt, Gott zeige sich in unterschiedlichsten Vorstellungen oder Gott sei die Gesamtheit der Schöpfung und der einzelne Mensch ein Teil Gottes. Ich tendiere zu letzterem.

 

Und ich bin (noch immer) Katholik. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie die oben beschriebenen Gottesbilder zur katholischen Theologie passen. Auch hier müsste ich mich zuerst intensiv mit theologischen und kirchlichen Grundaussagen beschäftigen. Von meinem religionspädagogischen Studium her, das ich vor 30 Jahren absolvierte, weiss ich noch, wie komplex das Ganze ist. Ich befasste mich damals mit verschiedenen Ansätzen zum Thema Gottesbilder: Schöpfungstheologie, Befreiungstheologie, feministische Theologie, Dogmatik, Kirchengeschichte, Tiefenpsychologie und Religion, Mystik, um nur einige Begriffe spontan aufzulisten.

 

Von Gott zu sprechen ist immer problematisch, um wieder auf den Anfang dieses Aufsatzes zu verweisen. Sobald wir ihn definieren, also mit einem eindeutigen Wort bezeichnen, schränken wir «ihn» ein und schliessen Teile von «ihm» aus, und dann kann es sich nicht um Gott handeln, vor allem wenn wir davon ausgehen, dass «er» der Ursprung und der Schöpfer des gesamten Kosmos ist. «Er» muss alles umfassen. Ich werde hellhörig, wenn mir jemand Gott erklären möchten und dabei auch Bibelzitate als endgültige Beweise hinzufügt. Viel glaubwürdiger sind mir Menschen, welche bei diesen Fragen stotternd verstummen oder zweideutige Aussagen verwenden, wie beispielsweise Zenmeister mit ihren seltsamen Koans und krassen Aufforderungen: «Töte Buddha, wenn Du ihm begegnest!» Mir gefällt auch die Metapher aus dem Islam. Allah habe 100 Namen. Davon seien 99 bekannt. Muhamed soll seinen Zuhörern die 99 Namen laut vorgelesen haben, den letzten jedoch flüsterte er in das Ohr seines Kamels und sagte: Wer diesen Namen findet, erkennt die Wahrheit des Lebens.

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